23 Tage Leben

Mehr als 100.000 hauptamtliche, ehrenamtliche und bürgerschaftliche Helfer in Deutschland engagieren sich in Hospiz- und Palliativeinrichtungen. Ich habe Menschen bei dieser Arbeit begleitet. Agnes, Kai und die anderen zeigen: Am Ende zählt immer der Mensch – nicht die sterbende Person.

© Pixabay

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„Ruf Zimmer 9“, erscheint in roter Schrift auf der Anzeige in der Stationsküche. Im ganzen Haus ist der Alarm deutlich zu hören. Er verstummt erst, als Agnes das Zimmer betritt. Sie bleibt nur kurz bei ihrem Patienten. „ Herr O. hat mich gerufen, damit er mir einen schönen guten Morgen wünschen kann“, sagt sie zu Katharina als sie zurück in die Stationsküche kommt. Beide lächeln und freuen sich sichtlich über dieses Stück Normalität.

Wie viele Morgen Herr O. noch haben wird, weiß keiner. Er ist einer von zwölf Patienten des Johannes Hospiz Barmherzige Brüder. In einigen Ausnahmen bleiben die Patienten über Monate. Im Durchschnitt sind es nur 23 Tage. In den letzten elf Jahren haben die Mitarbeiter hier fast 2.000 Menschen beim Sterben begleitet. Agnes arbeitet seit drei Jahren in der Einrichtung nahe dem Münchner Schloss Nymphenburg. „Während meiner Ausbildung hat es mir hier am besten gefallen, weil wir sehr viel Zeit für die Menschen haben“, sagt sie. Das Haus soll ein Ort des Sterbens und des Lebens sein, an dem Freude und Trauer ihren Platz haben. Das Wohl und die Bedürfnisse der Patienten und ihrer Angehörigen stehen hier im Mittelpunkt.

Den Patienten annehmen wie er ist

Die Zeit im Hospiz soll eine bewusste Lebensphase sein. Bis zum Schluss übernimmt der Patient die Regie für sein Leben. Einer von ihnen ist Herr B. Er ist neu. Agnes wirft erst einmal einen Blick in seine Krankenakte. Außer seiner Krankengeschichte enthält diese viele Informationen zur Biografie des Historikers. „Das ist wichtig, wir wollen den Menschen kennenlernen und nicht nur die sterbende Person“, sagt Agnes. Oft erzählen die Patienten von sich aus, was sie beruflich gemacht haben und was sie gerne mögen. Herr B. interessiert sich beispielsweise für Geschichte und klassische Musik.

Während Agnes Herrn B. seine Medikamente gibt, bereitet Katharina das Frühstück für einen ihrer Patienten zu. Brötchen, Müsli, oder Obst – jeder bekommt das, worauf er an diesem Tag Appetit hat. Wer noch keinen Hunger hat, der darf auch gerne später frühstücken. Manche Patienten schlafen auch lieber aus. Darauf nehmen die rund 40 haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter Rücksicht. Jeder kann seinen Tagesablauf gestalten, wie er es möchte.

Routine gibt es nicht

Manche Patienten brauchen jedoch eine gewisse Tagesordnung. Entscheidend ist: sie so zu nehmen wie sie sind. „Die Menschen, die hierher kommen, leben ja noch“, sagt Katharina. Mit einem Bein steht sie bereits in Zimmer fünf. Schon den ganzen Morgen muss sie hier immer wieder den Fernseher leiser stellen. Gegen Mittag muss auch Agnes sich um die Lautstärke kümmern. „Katharina erlaubt nur 24“, tönt es aus dem Zimmer. Der Pegel wird auch noch über den Rest des Tages beständig zwischen 71 und 24 schwanken.

Herr Z. entscheidet sich an diesem Tag für sein grünes Hemd, passend zur grünen Hose. Das Outfit hat er zusammen mit Agnes ausgesucht. Sein Äußeres ist ihm wichtig. Auch sein Zimmer hat er nach seinen Vorlieben gestaltet. Das darf hier jeder; kein Zimmer gleicht dem anderen. In Herrn Zs Zimmer wird neben dem Bild von Loriot auch bald ein Hochzeitsfoto stehen. Er will seine langjährige Lebensgefährtin heiraten. Den Antrag hat er ihr schon vor zehn Jahren gemacht, doch erst jetzt scheint der richtige Moment gekommen. „Eine Hochzeit ist schon sehr ungewöhnlich“, sagt Agnes. Wie alle im Hospiz freut sie sich für ihren Patienten. Agnes und ihre Kollegen wissen zu Dienstbeginn nie, was sie erwartet. Jeder Tag ist anders. Routine gibt es in diesem Beruf nicht.

Jeder Mitarbeiter ist sich seiner eigenen Sterblichkeit bewusst. Agnes Verhältnis zum Thema Sterben hat sich erst durch ihre Arbeit verändert. Das wünsche sie sich auch in der Öffentlichkeit. „Das ist immer noch ein Tabuthema“, klagt sie.

Das Schattendasein beenden

Bewusstsein schaffen und das Schattendasein beenden, will auch Angela vom ambulanten Kinderhospiz München. Sie leitet seit einem Jahr die Öffentlichkeitsarbeit der 2004 gegründeten Einrichtung. Gerade bespricht sie mit Kai die Anfrage einer großen Zeitung. Er ist einer von fünf Koordinatoren, die zusammen mehr als 150 Familien betreuen. Als Koordinator versucht er zuerst herauszufinden, was die Familien konkret benötigen.

Oft sind es einfach Zeit und Raum, die Kai den Eltern verschafft. Oder er unternimmt etwas mit den Geschwisterkindern, die in so einer enormen Belastungssituation oft zu kurz kommen. Aber auch bei Behördengängen steht er den betroffenen Familien zur Seite. Anders als in der Hospizarbeit für Erwachsene begleitet der gelernte Sozialpädagoge seine Patienten oft über Jahre hinweg. Diese Zeit endet nicht zwangsläufig mit dem Tod des Kindes. Bei etwa 30 Prozent der Betroffenen kann es auch zu einer Genesung kommen.

Am Abend hat Kai noch einen besonderen Termin. Er besucht Amil und Ajaz im Krankenhaus. Die beiden Kinder aus Syrien sind erst seit ein paar Tagen in Deutschland.

Hilfe kennt keine Sprachbarrieren

Amil hat Leukämie. Momentan weiß keiner wie ihre Krankheit verlaufen wird. „Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht immer das erkrankte Kind, doch auch dem Umfeld muss es gut gehen“, sagt Kai. Ajaz – selbst gerade einmal 21 Jahre alt – kümmert sich aufopferungsvoll um seine kleine Schwester. Jede freie Minute verbringt er am Krankenbett der Zwölfjährigen. Nebenbei muss er sich darum bemühen, dass seine Anmeldung den gewohnten Gang geht. Dabei hilft ihm Kai. Neben einer Unterkunft in der Bayernkaserne hat er Ajaz auch einen Deutschkurs besorgt. In Kürze lernt er die Sprache des Landes, in dem er und Amil zurzeit Zuhause sind. „Wenn es ihm gut geht, hilft das auch dem Mädchen“, sagt Kai.

Im Krankenzimmer der kleinen Amil ruft Kai eine Ärztin hinzu. Zusammen besprechen sie das weitere Vorgehen, damit der Junge eine Unterbringung in der Nähe des Krankenhauses bekommt. „Können sie ihm etwas sagen“, fragt die Ärztin den Koordinator. „Sie können es ihm auch selber erzählen, er hat eine Übersetzungsapp“, antwortet er. Die Ärztin nimmt das Handy und spricht: „Die weißen Blutkörperchen gehen zurück; die Therapie greift an“. Ajaz schaut auf das Display; in seinem Gesicht zeichnet sich ein Lächeln ab.

Namen teilweise geändert

Anmerkung: Dieser Artikel entstand im Rahmen meines Kurses „Magazinjournalismus I“ an der abp in München. Während meiner Recherche durfte ich Menschen kennenlernen, die ihren Patienten jeden Tag so angenehm wie möglich machen – unabhängig davon wie viele es noch sein werden. Und obwohl der Tod jeden Tag präsent ist, geht es letztendlich um das Leben. Wo viel Trauer ist, muss die Freude nicht zwangsläufig abwesend sein. Vielen Dank für diesen ganz besonderen Einblick!

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