Weg vom Grundrauschen

Viele Meldungen in der heutigen Berichterstattung sind gleich – kurz, reißerisch, oberflächlich. Hintergrundinformationen fehlen. Das wollen Julia, Bernahrd und Erich mit Der Kontext ändern. Das Online-Magazin macht keinen Mainstreamjournalismus, sondern will seinen Nutzern echte Inhalte bieten.

Balkanroute dicht. Die Schande von Clausnitz. So viele Asylanträge wie noch nie. Das sind die Schlagzeilen, wenn es um Flüchtlinge in Deutschland geht. Warum die Menschen fliehen, rückt in der aktuellen Berichterstattung zunehmend in den Hintergrund. „Wir interessieren uns nicht für das Neuste vom Neusten, sondern für die Hintergründe und die Zusammenhänge von aktuellen Themen“, sagt Bernhard. Zusammen mit Julia und Erich hat er das Online-Magazin „Der Kontext“ gegründet. Aktuelles Zeitgeschehen ist sehr komplex. Neben den klassischen Medien – Radio, Fernsehen und Print – sind es zunehmend die Sozialen Netzwerke, die die Berichterstattung übernehmen. Der Nutzer kann sich dem Mediendauerfeuer nur schwer entziehen.

Der Kontext will weg vom Grundrauschen (© marie-curie.com)

Der Kontext will weg vom Grundrauschen (© sofawissen.com)

„In den Medien gibt es zu den meisten Themen ein Grundrauschen an der Oberfläche“, sagt Bernhard. Hintergrundinformationen sind schwer zu finden. Dabei kann sich heute jeder so gut informieren, wie er will. Aber dafür braucht es Zeit. Der Kontext will Klarheit schaffen – schnell und einfach.

Kreativität braucht Struktur

München. Glockenbachviertel. Im Homeoffice von Julia und Bernhard entsteht Der Kontext. Zusammen leben und arbeiten. Für viele Paare der blanke Horror. Doch die beiden machen einen sehr ausgeglichenen Eindruck. Julia zieht einen sofort in den Bann. Sichtlich stolz zeigt sie ihr Produkt und erklärt die Navigation der Seite. Sie brennt für das Konzept. Immer wieder entschuldigt sie sich dafür, dass sie so viel redet. Um dann doch schnell weiter zu erklären. Bernhard ist der Ruhigere von beiden. Soziologe eben.

Doch genau diese Kombination macht den Kontext spannend. Julia ist der kreative Kopf; kümmert sich um Design und Konzept. Bernhard geht das Ganze sachlicher an – strukturierter. Hört zu, recherschiert und taucht tief in die Themen ein. Er kümmert sich um die redaktionelle Umsetzung. Kennengelernt hat sich das Paar während des Studiums in Augsburg. Dort trafen sie auch auf Erich. Er ist der Mann im Hintergrund – zuständig für die Programmierung.

Die Idee zu Der Kontext hatte Julia bereits 2009. „Schon einige Zeit beschäftigte mich die Frage, warum es immer schwieriger wird, sich in der aktuellen Nachrichtenwelt zurechtzufinden.“ Für ihre Masterarbeit entwickelte sie das Grundkonzept. Damals noch in einer Printversion. Das Thema: Die Piraterie vor Somalia. „Damals war das Thema häufig zu hören und zu lesen. Aktuelle Überfälle und neue Auslandseinsätze waren medial präsent, leider jedoch wenig über die Hintergründe und die Situation im Land.“ Das wollte sie ändern.

Das Magazin übernimmt die vernetzte Grundstruktur komplexer Themen und macht sie interaktiv bedienbar (© marie-curie.com)

Das Magazin übernimmt die vernetzte Grundstruktur komplexer Themen und macht sie interaktiv bedienbar (© sofawissen.com)

Zeitgleich zum inhaltlichen Konzept entwickelte Julia die Gestaltung. Ein vorgefertigtes Muster gab es nicht. Gestaltung und Inhalt beeinflussten sich gegenseitig. Das Ergebnis: Ein Magazin, dessen Form man so nicht erwaret. Großes Format und Dünndruckpapier. Das Inhaltsverzeichnis gleicht einer Sternenkarte, anhand die Leser das Thema individuell, interaktiv und mulitmedial erforschen können. Die vielen positiven Reaktionen führten zu dem Entschluss, aus der Masterarbeit ein Unternehmen zu machen.

„ Wegen dem Geld allein lohnt sich der Stress nicht“

Die Rosenheimerstraße im Münchner Osten ist eine bunte Medienmischung. Welt der Wunder wird hier produziert. Direkt daneben befindet sich die Akademie der Bayerischen Presse. Jochen Schweizer lenkt von hier aus sein Unternehmen. Nur ein paar Meter entfernt, wurde im Juni 2015 das Media Lab Bayern eröffnet. Als eines der ersten Start-Ups zog im Juli das Team von Der Kontext in den Coworking Space für digitalen Journalismus ein. Gründer erhalten hier nicht nur ein eigenes Büro, sondern auch finanzielle Unterstüzung sowie Workshops und Coachings.

Netzwerken. Feedback einholen. Lernen. Den Austausch mit anderen sucht das Team immer noch. Auch nach ihrer Zeit im Media Lab. Um die finanzielle Stabilität weiter zu sichern, starteten die drei eine Crowdfunding Kampagne. Die 12.000€ investierten sie komplett in den Inhalt und in die Redaktion. Ihre Mitarbeiter umsonst arbeiten zu lassen, kam von Anfang an nicht in Frage. Gleichzeitig ging es darum, den Bekanntheitsgard zu steigern. „Wegen dem Geld allein lohnt sich der Stress nicht“, sagt Julia.

Abtauchen mit Der Kontext

Die Kampagne ging im Februar 2016 zu Ende. Nun hieß es: Online gehen. Zunächst mit der Beta-Version. Die ist noch nicht so ausgefeilt wie das eigentliche Magazin. Aber sie bietet dem Nutzer einen Vorgeschmack auf das, was im April folgen soll.

Je tiefer die Ebene, desto feiner werden die Hintergrundinformation (© marie-curie.com)

Je tiefer die Ebene, desto feiner werden die Hintergrundinformation (© sofawissen.com)

Das Magazin übernimmt die vernetzte Grundstruktur komplexer Themen und macht sie interaktiv bedienbar. Interviews, Grafiken, Videos sowie kleine und große Artikel beleuchten die Themen aus unterschiedlichen Perspektiven. Je tiefer die Ebene, desto feiner werden die Hintergrundinformation. Wie weit ein Nutzer eintauchen möchte, entscheidet er selbst.

Die Mitglieder stimmen ab, welches Thema als nächstes online gehen soll. „Wir möchten Themen behandeln, die die Leute auch interessieren“, sagt Bernhard. In der herkömlichen Berichterstattung darf der Leser nicht mitenscheiden; muss sich mit der medialen Meinung zufrieden geben. Will er mehr wissen und die Hintergründe verstehen, muss er sie suchen und selber einordnen. Der Kontext – Konkurrent der anderen Medien? Im besten Fall werden sie Partner!

Anmerkung: Dieser Artikel entstand im Rahmen meines Kurses „Magazinjournalismus II“ an der abp in München. 

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