Leben ohne Kunststoff: Versucht es doch mal

Geschenke an Weihnachten, Christo seine Gebäude oder einfach das Pausenbrot für die kleinen Racker: Der Mensch liebt es einfach, Dinge einzupacken. Der reale Verpackungsirrsinn kennt dabei keine Grenzen. Ein paar besonders schöne Beispiele finden sich hier. Mein Liebling ist übrigens Bild 9. Lustig ist das allemal. Aber leider auch charakteristisch für eine Gesellschaft, die den Sinn einer Verpackung nicht versteht.

Der Mensch liebt es offensichtlich, Dinge einzupacken (gefunden auf utopia.de)

Der Mensch liebt es offensichtlich, Dinge einzupacken (gefunden auf utopia.de)

Doch der moderne Großstädter hat die Lösung bereits parat. Der verpackungsfreie Supermarkt. Auch in München gibt es seit diesem Jahr einen. Aber Moment! Wie kommen die Lebensmittel eigentlich zu mir nach Hause? Selbst der vorbildlichste Umweltfanatiker hat nur zwei Hände. Hinzu kommt das Problem der Lagerung. Sofern ich nicht die Zeit habe, jeden Tag zum Laden zu schlendern, muss ich meine Vorräte irgendwie geschützt lagern. Möglichst so, dass sie lange genug frisch bleiben. Der eine oder andere weiß wahrscheinlich worauf ich hinaus möchte… Ding Dong! Hier kommt die ungeliebte Verpackung ins Spiel – doof gelaufen.

Manchen gehen die sogenannten Ohne-Läden allerdings nicht weit genug. Sie wollen das böse Plastik komplett aus ihren Alltag streichen. Problem dabei: Sie denken nicht weit genug. Denn genauso falsch wie der Kunststoff-Abfall in unseren Meeren ist es, den Werkstoff auf Einkaustüten und Verpackungen zu reduzieren.

Abspecken geht nur mit Kunststoff

Deutschland wird immer dicker. Fast jeder zweite gilt hierzulande als übergewichtig. Doch nicht nur wir müssen abspecken. Auch unsere Autos sind mittlerweile echte Schwergewichte. Mehr Gewicht bedeutet allerdings auch mehr Kraftstoffverbrauch und somit mehr CO2-Emissionen. Das muss sich ändern; hat mittlerweile sogar die Politik erkannt. 

Um den Spritverbrauch zu senken, setzen die Automobilhersteller auf neue Antriebe, eine verbesserte Aerodynamik und vor allem auf eine deutliche Gewichtsreduzierung. Die Diät besteht dabei hauptsächlich aus einer Kur aus Leichtbauwerkstoffen wie Magnesium, Aluminium und nicht zuletzt Carbon. So schön sich letzteres anhört, auch dahinter versteckt sich ein Kunststoff. Genauer gesagt: kohlenstofffaserverstärkter Kunststoff kurz CFK. Im Flugzeugbau schon lange eingesetzt, erlebt CFK auch im Automobilbau in den letzten Jahren einen regelrechten Boom. Das gute an Carbon: Es macht die Autos leichter, ohne Einbußen bei Sicherheit, Komfort und Zuverlässigkeit.

Doch nicht nur im Autombilbau ist Kunststoff ein unerlässliches Material. Auch in anderen Bereichen dirngt er zunehmend vor – ob wir wollen oder nicht.

Ein Titan aus Kunststoff

Volkskrankheit Rückenschmerzen. Knapp 70% der Deutschen leiden darunter. Dabei handelt es sich nicht nur um ein medizinisches Problem. „Ich hab Rücken“ ist vor allem teuer; rein rechnerisch verursacht jeder Rückenschmerzpatient laut FPZ durchschnittliche Gesamtkosten in Höhe von mehr als 1300 Euro pro Jahr. Immer häufiger scheint eine Operation die letzte Chance auf Heilung. Die Zahl der Wirbelsäulenoperationen hat sich hierzulande binnen weniger Jahre mehr als verdoppelt. Dabei wird nicht nur von Arzt und Patient einiges abverlangt. Auch das Material für die Implantete muss mitspielen. Lange Zeit kamen dafür ausschließlich Titan oder Kobalt-Chrom zum Einsatz.

Leichte Faser, harter Stoff: CFK macht Autos nicht nur leichter, sondern auch stabiler (© BMW)

Leichte Faser, harter Stoff: CFK macht Autos nicht nur leichter, sondern auch stabiler (© BMW)

Eine Schwachstelle von Metallen ist ihre Steifigkeit, die deutlich über dem des Knochenmaterials liegt. Das Implantat übernimmt dann einen Großteil der mechanischen Bewegung und entlastet den Knochen. Dieser braucht jedoch die mechanische Beansprachung. Einerseits um sich im Heilungsprozess zu regenerieren und andererseits dauerhaft seine Festigkeit zu behalten. Sonst kann sich die Heilung verlangsamen und der entlastete Knochen sogar im Laufe abbauen.

Daher setzen Hersteller zunehmend auf Implantete aus Hochleistungskunststoffen wie PEEK (Polyetheretherketon). Dieser weist eine deutlich höhere Elastizität auf, die in der Größenordnung von Knochenmaterial liegt. Die höhere Elastizität im Vergleich zu Titan reduziert zudem Spannungsspitzen an der Grenzfläche von Knochen und Wirbelsäulenimplantat. Darüber hinaus ist PEEK biokompatibel. Gut, das ist Titan auch.

Mit billigem Plastik hat das nichts zu tun

An ihre Grenzen kommen Metalle jedoch, wenn es um bildgebende Verfahren geht. Wegen ihrer Dichte sind sie für Röntgenstrahlen undurchlässig und versperren die Sicht auf das Knochengewebe hinter dem Implantat. Das erschwert die Bildauswertung im Computertomographen und somit die Nachbehandlung. PEEK und andere Hochleistungskunststoffe sind dagegen transparent für Röntgenstrahlen und erlauben dadurch eine gute Kontrolle von Knochenwachstum und Heilungsprozess.

In der Medizintechnik und im Leichtbau spielen Kunststoffe ihre ganzen Stärken aus; sind hier keine Werkstoffe zweiter Wahl. Vielmehr sind sie anderen Materialien weit überlegen. Und an dieser Stelle reden wir nicht von PET oder Plexiglas, sondern von Hochleistungskunststoffen wie PEEK oder faserverstärkten Kunststoffen wie CFK. Die können schon mal weit über 100 US Doller pro Kilo kosten. Mit billigem Plastik hat das ganze nämlich auch nichts zu tun.

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