Recycling: Schildkröten interessieren sich nicht für Mode

Wiederverwertung ist in der Mode schwer angesagt. Schuhe, Trikots oder Rucksäcke: Was man alles aus so einer PET-Flasche machen kann – beeindruckend! Gleich mehrere Hersteller wollen mit ihren Klamotten die Meere sauber machen. Grünfärberei oder sinnvolle Initiative?

Nicht besonders schick, aber nachhaltig: Das Modell Re- Kånken besteht aus alten PET-Flaschen (© Fjällräven)

Nicht besonders schick, aber irgendwie nachhaltig: Das Modell Re- Kånken besteht aus alten PET-Flaschen (© Fjällräven)

Eckig, kantig und irgendwie schmucklos. Nein, besonders schön ist der Kånken nicht. Und dennoch erfreuen sich die bunten Fjällräven-Rucksäcke einer wachsenden Beliebtheit. Vor allem junge Hipster-Mamis aus Hamburg reißen sich um den Beutel. Und der Ansturm könnte noch weiter wachsen. Denn das schwedische Unternehmen hat ein ganz besonderes Material für sich entdeckt: Kunststoffabfall. Re- Kånken heißt das Modell, das seit diesem Sommer für fast 90€ den Besitzer wechselt. Re, ihr wisst schon, wie Re-cycling. Die Neuaflage wurde aus elf PET-Flaschen hergestellt. Fjällräven ist allerdings nicht das erste Unternehmen, das den Trend zum Treibgut für sich entdeckt hat.

Frische Brise aus dem Meer

Adidas verbindet mit seinem „Ultra Boost Uncaged“ gleich zwei aktuelle Trends. Die Zwischensohle besteht aus Kunststoffabfällen aus dem Meer und wird mittels 3D-Druck gefertigt. Wer beim Schuhkauf das gute Gefühl inklusive haben möchte, muss sich beeilen und tief in die Tasche greifen. 222 US-Dollar kostet ein Paar der ersten Edition, die auf 7.000 Stück limitiert ist.

Aber Adidas kann bekanntlich nicht nur Schuhe, sondern auch Klamotten. Schon als das Projekt 2015 auf der Weltklimakonferenz in Paris (COP21) vorgestellt wurde, war klar, dass das Unternehmen auch Kleidung aus Meeresplastik herstellen will. Gesagt, getan. Beim Heimspiel gegen den TSG Hoffenheim liefen die Spieler des FC Bayern Münchens in Trikots auf, die ebenfalls aus marinen Kunststoffabfällen hergestellt wurden. Für manchen Spieler zu viel. Aber hey, beim Thema Marine Litter kann man seinen Gefühlen schon mal freien Lauf lassen. So wie Xabi Alonso: „Ich bin an den Stränden Spaniens aufgewachsen. Deshalb bin ich besonders froh darüber, ein Trikot tragen zu dürfen, das zu 100 Prozent aus recyceltem Ozeanmüll hergestellt wurde“, so der Mittelfeldspieler.

Pharell Williams kann darüber wohl nur lachen. Zusammen mit G-Star Raw hat er bereits vier Ozean-Kollektionen auf den Markt gebracht. „Raw for the Oceans“ nennt sich das Projekt, dass Williams in Zusammenarbeit mit der niederländischen Modemarke und dem biotechnischen Unternehmen Bionic Yarn ins Leben gerufen hat. Für die Denim-Kollektion wird Kunststoffabfall aus den Ozeanen geborgen und zu bionischem Garn. verarbeitet, der schließlich zu Denim gewoben wird.

Der Trend geht zum Treibgut: Für seinen Ultra Boost Uncaged verwendet Adidas unter anderem Kunststoffabfälle aus dem Meer (© Adidas)

Der Trend geht zum Treibgut: Für seinen Ultra Boost Uncaged verwendet Adidas unter anderem Kunststoffabfälle aus dem Meer (© Adidas)

Angeregt wurden die Projekte von der Organisation Parley for the Oceans. Diese sieht sich selbst als Netzwerk aus Kreativen, Denkern und Führungskräften, die sich dafür einsetzen, das Bewusstsein über den Zustand unserer Ozeane zu schärfen, und gemeinsam Projekte zum Schutz und Erhalt der Weltmeere auf den Weg zu bringen. Und auch die beteiligten Unternehmen beteuern stets, mit den Kollektionen „nur“ ein Zeichen gegen die Verschmutzung der Gewässer setzen zu wollen.

Unser Stil ist nicht das Problem

Das mag bei weitem nicht jeder glauben. „Wir halten das nicht für den richtigen Weg. Für uns ist das eine reine Werbemaßnahme und ein starkes Greenwashen von problematischen Kunststoffprodukten“, sagt beispielsweise Jürgen Resch. Der Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe sieht die Verwendung bestimmter Kunststoffe in der Textilproduktion kritisch, denn beim Waschen lösen sich Kunststofffasern aus der Kleidung und gelangen so wieder in die Gewässer. Welche Gefahren von solchem Mikroplastik ausgehen, ist noch nicht vollständig geklärt. „Es gibt seit Jahren eine Diskussion darüber, dass solches Mikroplastik viel schlimmer für die Meere und Seen ist, als es größere Plastikteile sind“, so Resch.

Ob nun reine Marketingstrategie oder echtes Umweltbewusstsein, solche prominenten Beispiele sind wichtig. Problematisch wird es dann, wenn aus einem Umwelt- ein Hipsterproblem wird. Marine Litter sollte kein Trend-Thema sein, für das tief in die Tasche gegriffen werden muss. Natürlich sollte uns unsere Umwelt einiges wert sein.; zu einem Luxus-Problem sollte sie dennoch nicht avancieren.

Schildkröten, Wale und Delfine interessieren sich nicht für Klamotten, aber für ihren Lebensraum. Schuhe, Rucksäcke oder Klamotten mögen zwar auf das Problem aufmerksam machen, eine Lösung dafür sind sie sicher nicht. Denn am Ende geht es nicht um Mode. Wir müssen nicht unseren Stil, sondern unsere Einstellung überdenken.

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