Kinder im Netz: Für Privatsphäre ist später noch Zeit

Von peinlichen Mamabloggern bis hin zu vorpubertären Kinderinfluencern: Das Internet verkommt zunehmend zu einer digitalen Spielwiese in Sachen Erziehung. Dabei vergessen viele, dass es im World Wide Web nicht jeder gut mit dem (eigenen) Nachwuchs meint.


Liebe Leser und Leserinnen,

schon bei diesen ersten Zeilen höre ich selbst aus der letzten Instagram-Ecke die „Mom of“ Pauline Montana und Vincent-Jonathan sagen: „Aber du hast ja gar keine Kinder!“. Das stimmt, jedoch war ich mal eins und litt eindeutig am Heidi-Klum-Syndrom. Ich liebte die Kameras. Wie damals üblich landeten die Fotos in den Fotoalben meiner Mutter und sind dank diverser Umzüge zum Teil nicht mehr auffindbar. Das heißt, bis heute blieb mir peinliches Gelächter über meine kindlichen Foto-Sünden erspart.

Nun geht es bei dem Thema „Kinder im Netz“ nicht nur darum, ob das den kleinen Rackern irgendwann mal peinlich ist oder darum, ob Mama und Papa noch alle geschenkten Tassen im gesponserten Schrank haben. Denn spätestens, wenn die Bilder im Darknet landen, wird vielen bewusst: Das Internet ist nicht einfach nur ein virtueller Spielplatz, sondern kann zur ganz realen Gefahr werden.

Euer Ober-Couchpotato


Kinderinfluencer: Niedliches Hobby oder Kinderarbeit

Na, was wolltet ihr mal werden, wenn ihr groß seid? Bei mir reichten die Antworten von Anwältin über Moderatorin bis hin zu Schauspielerin. Die heutige Generation würde mich im Klassenzimmer wahrscheinlich eiskalt auslachen. Denn jedes dritte Kind in Deutschland sagt, „mein Vorbild ist ein Influencer“. Und wahrscheinlich fast genauso viele wollen später mal so ihr Geld verdienen.

Manche tun es bereits; knapp 30.000 Kinderinfluencer gibt es in Deutschland. Dabei zeigt sich, von den Erwachsenen lernen, heißt, für die Internetkarriere zu lernen. Wie ihre Vorbilder präsentieren auch die kleinen Stars sich und ihren Alltag einer großen Menge an Menschen. Sogar die Begrüßung „Hallo meine Lieben“ sitzt. Und je nach Reichweite verdienen sich einige von ihnen bereits in jungen Jahren ein ordentliches Taschengeld. Zu den bekanntesten und größten Accounts in Deutschland zählen:

  • Mileys Welt (Youtube: 936.000, Instagram: 160.000)
  • Alles Ava (YouTube: 865.000, Instagram: 82.000)
  • Mavie Noelle (YouTube: 740.000, Instagram: 420.000)
  • Stand: Juni 2021

Im Idealfall haben Miley, Ava und Noelle einfach nur Spaß und können sich von dem heute verdienten Geld eine rosige Zukunft aufbauen – Studium, Reisen, etc. Das würde auch voraussetzen, dass die Eltern sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Das ist jedoch zumindest bei Miley nicht der Fall. Ihre Eltern haben längst ihre Jobs gekündigt und somit verdient die mittlerweile 11-Jährige den Unterhalt für die gesamte Familie. Das kann jeder finden, wie er möchte. Ich persönlich finde das mehr als fragwürdig. Fragt mal Britney Spears und Macaulay Culkin, wie man sich als abgehalftertes Zirkuspferd fühlt. Dieses Spannungsfeld – zwischen Kindeswohl und finanziellen Interessen der Eltern stößt nicht nur mir negativ auf. Auch das Kinderhilfswerk sieht hier einen deutlichen Interessenskonflikt.

Hinzu kommt, viele der Filmchen auf Instagram, YouTube und TikTok sind völlig unreflektiert im Hinblick darauf, welche Informationen die Mini-Influencer dabei preisgeben. Naja, aber genau darum haben wir doch Gesetze? Negativ! Der Gesetzgeber scheint noch nicht in der modernen Medienwelt angekommen zu sein. Hier sollten unbedingt Nachbesserungen vorgenommen werden.

Binge Wissen Kinderinfluencer


Kinderfotos: Vom Kinderzimmer ins Darknet

Ein harmloser Schnappschuss vom Strand für die Lieben Zuhause: Pauline Montana und Vincent-Jonathan blicken im Badeanzug beziehungsweise der Badehose vergnügt in die Kamera. Musste man früher warten, bis die Fotos nach dem Urlaub entwickelt wurden, um sie der lieben Verwandtschaft und den besten 130.000 Freunden zu zeigen, geht das heute deutlich schneller. Ein paar Klicks und schon steht das Bild auf Facebook oder Instagram.

Natürlich wollen Eltern mit solchen Posts ihren Kindern nicht schaden. Und dennoch tun sie es mit solchen Schnappschüssen unfreiwillig. Denn immer häufiger landen Alltagsaufnahmen von privaten Social-Media-Accounts dort, wo sie kein Elternteil sehen möchte: auf pädosexuellen Seiten. Allein auf einer der größten illegalen Foto-Plattformen für Pädosexuelle stammt mindestens jedes vierte Bild ursprünglich von Facebook oder Instagram. Häufig werden die Aufnahmen obszön kommentiert. Aber immerhin mit Quellenangabe. Denn manchmal nennen die Täter auch Namen und Alter des Kindes und verlinken sogar die ursprünglichen Social Media-Profile.

Aber was können Eltern dagegen tun? Ganz einfach: Haltet eure Kinder aus dem Internet raus. Das empfehlen auch Kinderschutz-Organisationen und Ermittlungsbehörden.

Binge Wissen Kinderfotos im Netz


Mamablogger: Mutti ist deine Privatsphäre egal

Nun gibt es einen Job im Internet, der funktioniert ohne Kinder wirklich schlecht: Mamablogger. Ich weiß nicht, in welchem Stadium der Schwangerschaft die literarischen Ergüsse beginnen. Ich möchte an dieser Stelle auch nicht alle internetaffinen Eltern über einen Kamm scheren. Denn es gibt mit Sicherheit auch Blogs, die jungen Müttern und Vätern helfen, zum Beispiel beim Umgang mit einem kranken Kind. Aber den größten Teil der Aufmerksamkeit bekommen jene, die einfach nur ihr Familienleben zur Schau stellen.

Rund 2.000 Mamablogs gab es allein im Jahr 2017. Heute dürften es noch etliche mehr sein. Wobei sich zunehmend die Frage stellt, braucht man als Blogger wirklich noch einen Blog oder reicht nicht einfach ein Instagram-Account. Was man bei all den gezeigten Zucker-Momenten vergisst, dahinter verbirgt sich ein Business und viele Familien verdienen sich damit nicht nur ein nettes Taschengeld. Das ist grundsätzlich nicht falsch. Aber muss man für Rabattcodes und Werbegeschenke die Privatsphäre und die Persönlichkeitsrechte der Kinder vollständig auflösen?

Nein! Denn neben Alltagsspaß sind es viel zu oft die peinlichen Momente des Nachwuchses, die festgehalten und gepostet werden. So will sich niemand der Öffentlichkeit zeigen. „Vielen Eltern ist gar nicht bewusst, dass ein Kind kein Gegenstand ist, mit dem man machen kann, was man gerne möchte. Ein Kind hat trotzdem Rechte“, sagt Toyah Diebel. Um hier Aufklärung zu betreiben und zum Umdenken zu bewegen, hat sie Kampagne #DeinKindAuchNicht ins Leben gerufen.

Binge Wissen Mamablogger

 

 

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